|
Hungersnöte, Krieg und Aids haben der äthiopischen
Bevölkerungsstruktur tiefe Wunden geschlagen. Das afrikanische
Land ist das drittärmste der Welt und hat bei einer Bevölkerung
von 70 Millionen mehr als fünf Millionen Waisen zu versorgen.
Die Regierung in Addis Abeba weiß sich keinen anderen
Rat, als Waisen zur Adoption ins Ausland freizugeben - ein
moralisches Dilemma, aus dem es wegen der leeren Staatskasse
keinen Ausweg gebe.
«Wir hätten es lieber, wenn die Leute in Äthiopien
investieren würden, anstatt unsere Kinder zu nehmen»,
sagt Bulti Gutema, Chef der Adoptionsbehörde in Addis
Abeba. «Wir können es uns aber nicht leisten, uns
um jeden Waisen zu kümmern.» Er spricht in seinem
baufälligem Büro, einem stummen Zeugen, wie arm
Äthiopien ist. Die offiziellen Haushaltszahlen belegen
es weiter: Eine Milliarde Birr (86 Millionen Euro) muss Äthiopien
im Jahr für seine Waisen aufbringen. Der Gesundheitsetat
verfügt aber nur über 1,4 Milliarden Birr (105 Millionen
Euro).
«Adoption ist das letzte Mittel, weil sie nicht hilft,
die Armut zu lindern», sagt Gutema weiter. Andererseits
könne die Sozialstruktur die vielen Waisen nicht verkraften.
Fast die Hälfte der Bevölkerung hat am Tag nicht
mehr als einen Euro zum Leben.
Ein HIV-Test entscheidet über das Schicksal der Waisen,
die für eine Adoption in die USA, Frankreich, Irland
und Australien in Frage kommen. Diese Länder stellen
die meisten Pflegeeltern. Die äthiopische Regierung will
sicherstellen, dass keine HIV-infizierten Kinder adoptiert
werden. Sie hat einerseits die Adoptionsgesetze verschärft,
andererseits den bürokratischen Ablauf vereinfacht. 2003
wurde ein Rekord mit 1.400 Adoptionen erreicht, mehr als doppelt
so viele wie im Jahr davor. Die Zahl der Büros von Adoptionsorganisationen
in Addis Abeba hat sich auf 30 verdoppelt.
Die Adoption eines Kindes kostet in Äthiopien rund 173.000
Birr (15.000 Euro). Andere Länder, die Babys zur Adoption
anbieten, verlangen das Doppelte. «Die Leute kommen
hierher, weil es sehr billig ist», sagt Tsegaye Berhe
von der Organisation Horizon Homes, die Kinder auf das Leben
bei Pflegeeltern in den USA vorbereitet. Vermittelt werden
Kinder im Alter von bis zu 16 Jahren. Jana Tuinanga von Adoption
Advocates International sagt, dass die Kinder sorgfältig
auf ihr neues Leben vorbereitet werden müssen - einschließlich
der westlichen Tischmanieren. «Wir arbeiten hart, um
sie auf das Leben vorzubereiten, das sie erwartet»,
erklärt sie.
|